
Fast vergessen: Als in Peine aus Schlacke ein gefragter Dünger wurde
Peine. Stahl und Peine gehören seit Generationen zusammen. Weniger bekannt ist jedoch, dass aus einem Nebenprodukt der Eisenverarbeitung einst ein gefragter Dünger entstand. Eng verbunden ist diese Geschichte mit dem Apotheker und Unternehmer Gerhard Hoyermann. Ende der 1870er Jahre beschäftigte er sich mit den Schlacken der Eisenverarbeitung. Dabei fiel ihm auf, dass Pflanzen im Bereich der Schlackenhalden besonders gut gediehen. Hoyermann untersuchte das Material genauer und erkannte, dass die darin enthaltenen Phosphate für die Landwirtschaft nutzbar gemacht werden konnten. 1880 erhielt er auf dem Gelände des Peiner Walzwerks ein Grundstück für eine Schlackenmühle. Dort wurde das Material zerkleinert und verarbeitet. Nach Angaben der Deutschen Biographie wurden bereits zu Beginn mindestens 150 Tonnen Schlacke im Monat verarbeitet.
1881 entstand die Peiner Phosphatfabrik
Schon ein Jahr später folgte der nächste Schritt. 1881 wurde die Peiner Phosphatfabrik gegründet. Auch die offizielle Chronik der Stadt Peine nennt die Gründung der Fabrik für dieses Jahr. Eine wichtige Rolle spielte später das sogenannte Thomasverfahren bei der Stahlherstellung. Die dabei entstehende phosphatreiche Schlacke ließ sich fein zermahlen und als Dünger verwenden. Das daraus gewonnene Thomasmehl wurde vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt.
Ein Produkt mit dem Namen Peine
Besonders interessant ist eine historische Quelle aus dem Jahr 1885. Eine damalige Fachzeitschrift berichtete über Hoyermanns Betriebe in Peine und Nienburg. Darin ist ausdrücklich von „Peiner Phosphatmehl“ die Rede. Für das Peiner Produkt wurde ein Phosphorsäuregehalt von 18 bis 20 Prozent angegeben. Damit gab es bereits vor rund 140 Jahren ein industriell hergestelltes Produkt, das den Namen Peine trug und für die Landwirtschaft bestimmt war.
Die Produktion wuchs stark
Aus den zunächst vergleichsweise kleinen Anfängen entwickelte sich ein bedeutender Industriebetrieb. Für das Jahr 1895 wird für die Peiner Phosphatfabrik bereits eine Produktion von rund 41.000 Tonnen Thomasmehl genannt. Später ging die Phosphatfabrik vollständig an die Ilseder Hütte über. Für 1935 wird eine Produktion von rund 150.000 Tonnen angegeben. Die Zahlen zeigen, welche Größenordnung die Herstellung inzwischen erreicht hatte.
Die Arbeit in der Fabrik war nicht ungefährlich
Zur Geschichte der Industrialisierung gehören allerdings auch die damaligen Arbeitsbedingungen. Das Hamburger Fremdenblatt berichtete im Dezember 1892 über einen tödlichen Arbeitsunfall in der Hoyermannschen Phosphatfabrik in Peine. Ein Arbeiter aus Dungelbeck kam dem Bericht zufolge an einer Kugelmühle ums Leben.
Ein fast vergessenes Kapitel Peiner Industriegeschichte
Heute dürften nur noch wenige Peiner den Namen der Phosphatfabrik oder das „Peiner Phosphatmehl“ kennen. Dabei zeigt die Geschichte, wie eng unterschiedliche Industriezweige damals miteinander verbunden waren. Was bei der Eisen und Stahlproduktion als Nebenprodukt anfiel, wurde aufbereitet und anschließend als Dünger für die Landwirtschaft genutzt. Die Peiner Phosphatfabrik ist damit ein interessantes Beispiel für Produkte und Unternehmen, die einst zur Wirtschaftsgeschichte der Stadt gehörten und heute weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind.
Quellen: Stadt Peine, historische Stadtchronik; Deutsche Biographie, Eintrag zu Gerhard Hoyermann; Chemiker-Zeitung von 1885; Hamburger Fremdenblatt vom Dezember 1892.